Was ich von Karate Kid gelernt habe. Das Geheimnis hinter ShuHaRi!

Director Technology @ Chrono24

 

Inspect und Adapt ist ein Prinzip, das wir aus der agilen Softwareentwicklung kennen. So trivial es auch klingt („Beobachte was du tust und reagiere dann darauf“), so spannend ist es mit diesem Prinzip sinnvoll umzugehen.

Auf so manchen agilen Trainings mag es dir daher vielleicht schon mal begegnet sein – ShuHaRi. Aber was ist das eigentlich? Und was können Unternehmen von der Kampfkunst lernen?

 

Starten wir zunächst mit einer kleinen Geschichte: Es begab sich zu einer Zeit, zu der eine damals noch kleine Karlsruher Firma begann, das agile Vorgehensmodell Scrum einzuführen. Die ersten Sprints liefen gut, alle waren mit viel Elan dabei. Allerdings waren diese elendslangen Sprint Plannings irgendwie doch etwas anstrengend. Na dann, passen wir das doch an, so ganz im Sinne von Inspect and Adapt, schaffen das Sprint Planning 1 ab und machen nur noch ein kompaktes Sprint Planning 2. Gesagt, getan. Das Sprint Planning 1 wurde letztlich abgeschafft. Was im nächsten Sprint umgesetzt werden soll, wurde ab sofort fortlaufend während des Sprints besprochen. Gerne in einem 1on1 oder aber auch mal im Team. Eigentlich lief das auch alles gut, denn das Team war klein, motiviert und lebte die Werte des agilen Manifests.

 

Doch was hat das mit dem Titel dieses Beitrags zu tun? Let me explain.

Ich selbst war damals als noch relativ unerfahrener Scrum Master als Teil des Teams an dieser Veränderung beteiligt. Damals dachte ich, wenn das Team das für gut erachtet, es sich besser anfühlt und der Outcome des Teams auch weiterhin passt, dann ist das doch genau das, was Scrum mit Inspect und Adapt meint. Heute denke ich da ein wenig anders und damit kommen wir zu ShuHaRi!

 

Was ist ShuHaRi?

ShuHaRi ist ein japanischer Weg, um Neues zu erlernen. ShuHaRi heißt wörtlich übersetzt „Erst lernen, dann loslösen und endlich übertreffen“. Manche sagen es kommt aus der asiatischen Kampfkunst, andere sagen wiederum der Ursprung käme aus dem Theater. Letztlich ist das aber egal, weil beides sicherlich komplexe und schwierig zu erlernende Felder sind.

 

Vom Schüler zum Meister: Die drei Phasen des Lernens

Nach ShuHari geht jeder, der etwas Neues erlernen will, durch drei Phasen.

 

  • Phase 1: Shu ist die erste Phase. Hier konzentriert sich der Lernende darauf, Regeln zu befolgen, um die Grundlagen zu lernen. Er folgt dem Lehrer.

 

  • Phase 2: In der Ha Phase beherrscht der Lernende die Grundlagen und ist in der Lage die Theorie und die den Regeln zu Grunde liegenden Prinzipien zu verstehen und diese zu brechen (bzw. anzupassen).

 

  • Phase 3: In der Ri Phase ist der Schüler zum Meister geworden. Er lernt nicht mehr von einem Lehrer oder folgt Regeln, sondern findet eigene Wege, um Probleme zu lösen.

 

Wie lässt sich ShuHaRi in die Teams übertragen?

Zunächst noch einmal zu meinem eingangs erwähnten Beispiel. Heute denke ich, dass wir damals etwas zu schnell die Regeln geändert haben, ohne den wirklichen Sinn des Sprint Planning 1 zu verstehen. Das Team hat die Shu Phase übersprungen. Es hat den Sinn und die Idee des Sprint Planning 1 nicht voll durchdrungen und das Vorgehen dennoch geändert.

 

Auf agile Teams übertragen gibt ShuHaRi uns als Scrum Master eine wichtige Hilfestellung, um zu verstehen, in welcher Phase ein Team ist und dem Team die Möglichkeit, selbst zu reflektieren, wo es steht.

Ist das Team neu in der agilen Welt oder hat es die agilen Werte noch nicht genau verstanden, dann macht es oftmals übereilte Anpassungen der Regeln, die nicht der Idee von Scrum entsprechen. Das kann passieren, wenn das Team zu schnell in die Ha Phase gewechselt hat und sich vermutlich noch in der Shu Phase befindet.

Hat das Team die agilen Werte verstanden und lebt sie? Setzt es sich intensiv mit Änderung und der sich daraus ergebenden Konsequenzen auseinander? Dann ist es vermutlich in der Ha Phase angekommen.

Ist das Team bereits vollständig mit einem agilen Mindset unterwegs, verbessert sich ohne Zutun des Scrum Master beständig selbst und liefert hohen Wert für das Unternehmen, dann ist es in der Ri Phase! Es hat die Agilität gemeistert!

 

Doch was machen wir jetzt als Scrum Master damit? Abgeleitet aus ShuHaRi gibt es für mich vier wichtige Learnings:

  1. Es ist noch kein Meister von Himmel gefallen. Gerade Agilität ist ein sehr schwer zu greifendes Konzept, bei dessen Anwendung in der Praxis schon viele gescheitert sind. Wenn man z. B. als Entwickler oder Product Owner voller Elan frisch von einer Scrum Schulung kommt, sollte man sich immer vor Augen halten, dass noch ein weiter Weg vor einem liegt. Mit vielen kleinen Schritten wird man kontinuierlich besser. Das sollte man als Scrum Master dem Team vermitteln, denn es gibt nicht das eine magische „Ding“, mit dem alles gut wird. Es braucht seine Zeit. Und nein, wir werden nicht plötzlich die perfekte Retro durchführen, nachdem wir etwas geändert haben, sondern wollen die Retro von einer von „5 von 10 Punkten“ zu einer „6 von 10 Punkten“ bringen! Veränderungen in Unternehmen und Teams brauchen Zeit. Aus Ungeduld (oder anderen Gründen) neigen wir oftmals dazu, die Shu Phase und manchmal auch die Ha Phase zu schnell zu durchlaufen oder gar ganz zu überspringen. Nehmt Euch daher die Zeit, schrittweise zu eurem Ziel zu kommen – Es lohnt sich!
  2. Führt das Team spielerisch an Agilität heran. Dazu gibt es ganz wunderbare Methoden, wie man agile Themen spielerisch vermitteln kann! Schöne Beispiele hier sind „Magic Maze“ und „Keep Talking and Nobody Explodes“. Einen sehr guten Artikel zu „Magic Maze“ findet ihr hier.
  3. Neben all den schönen Aufgaben, die dem Scrum Master im Scrum Guide zugeordnet werden, ist vielleicht eine der Wichtigsten, dem Team Agilität und die Werte und Ideen dahinter zu vermitteln. Es geht darum das Team sprichwörtlich zu missionieren, das Team für Agilität zu begeistern, das Feuer für Agilität zu entfachen!
  4. Beschäftigt Euch immer wieder mit dem Status Quo. Wo steht ihr und wo steht das Team? Ist alles gut oder fühlt es sich nur gut an, weil das Team sich nicht mehr selbst hinterfragt? Seid ihr noch dabei Euch und das Team beständig zu verbessern? Seid ihr offen für neue Methoden und holt Euch regelmäßig neue Impulse? Lebt Kaizen!

 

Shu im agilen Umfeld soll natürlich nicht bedeuten, dass das Team einfach stur und blind den Regeln von Scrum und den Vorgaben des Scrum Master folgt. Natürlich soll und darf auch hier schon früh hinterfragt werden, warum man die Dinge so tut, wie man sie tut. Es sollte sogar so sein, dass der Scrum Master insbesondere für die Idee hinter Agilität wirbt und dafür beim Team Verständnis schafft.

In diesem Sinne: Keep calm and ShuHaRi!

 

 

Ach, da war doch noch was mit Karate Kid. Here we go:

Aus meiner Erfahrung aus dem Kampfsport weiß ich, dass hier gewisse Dinge beigebracht werden, deren Sinn man erst im Nachhinein versteht. Vor allem bei der Abhärtung oder der Ausbildung von bestimmten „Reflexen“ ist eine beständige Wiederholung wichtig, damit der Köper in die Adaption geht. Und klar, in gewissen Situationen im Kampfsport ist dies wichtig, da man im Kampf eigentlich nicht denken kann, sondern eher intuitiv und reflexartig handeln muss. Nicht so im agilen Umfeld. Hier ist Denken ausdrücklich erwünscht (ja, im Kampfsport auch) und man hat auch die Zeit dazu (im Ring wohl eher nicht)!

 

Zum Abschluss noch zwei interessante Videos, um das Konzept nochmals zu verdeutlichen 😉

  1. https://www.youtube.com/watch?v=SMCsXl9SGgY
  2. https://www.youtube.com/watch?v=2ynryUjGFt8